Europa im 14. Jahrhundert
In Europa sind Tänze bei denen Hüften, Bauch und Brüste
bewegt oder gar geschüttelt werden völlig aus dem Volksbrauchtum
verschwunden. Das war aber nicht immer der Fall. Jakob Sprenger erwähnt
in dem Buch „Der Hexenhammer„ Feiern zu Jahresbeginn bei denen
die Heiden dem Dämon im Götzenbilde zu ehren verschiedene hurtige
und üppige Tänze aufführten,.... und beruft sich dabei
auf S. Augustinus .....worüber an vielen Stellen von diesen verderblichen
Sitten Meldung geschieht (Der Hexenhammer Teil2, S.73)
Was versteht Sprenger nun unter: Üppig?
In demselben Buch bezieht er sich in einem Absatz über Teufel und
Dämonen (Teil 2, S.46) auf das Buch Hiob im Alten Testament:
..., seine Stärke beruht doch in den Lenden und in dem Nabel: Job
am Vorletzten, weil sie nämlich durch die Üppigkeit des Fleisches
mächtig in den Menschen herrschen. Denn der Sitz der Üppigkeit
ist bei den Männern in den Lenden weil von hier der Same abgesondert
wird, wie bei den Weibern aus dem Nabel.
Tänze mit hurtigen und üppigen Bewegungen sind in diesem Kontext
gesehen Bewegungssequenzen mit schnellen Bewegungen der Lenden und des
Bauches!
Von Hadloub von Zürich* (Beginn des 14. Jahrhunderts) ist uns ein literarisches Zeitzeugnis überliefert in dem er die Bräuche der Erntedankfeiern beschreibt:
„ Auf rüstige Knechte, Auf liebliche Mägde,
Macht euch zum Tanz bereit!
Heil ihm, wer da ein Liebchen hat!
Auch Minneshold / Wird jetzt gezollt!
Und eingeerntet Minnesaat.
Der Erntezeit
sich der Minner freut:
Da hütet die Mutter der Tochter nicht viel
Da geht’s ans Kosen mit manchem losen
Gesang und Scherz mit Minnespiel.
Drum jubeln so die Knechte,
Drum hüpfen so die Mägde
zum kühlen Abendtanz,
Und lieber als die Maien
mit ihren grünen Reigen
ist ihn` der Erntetanz.......
Diese Beschreibungen der Tänze der Bauernmädchen lassen auf ein natürliches Verhältnis zum Körper und damit auf eine freiere Einstellung zur Sexualität schließen.
Im Zuge der Inquisition* wurde den Menschen (nicht nur den Frauen!) der
natürliche Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität
weitgehend genommen und mit dem Makel der Schuld versehen. Einer der letzten
großen Streiche gegen eine eigenständige Frauengemeinschaft
war nach der Entmachtung der Hebammen das
Verbot der Kindbettfeste im 15. Jhd.:
Um Wochenbett, Geburt und Kindstaufe war es üblich, große Feste
zu veranstalten*. An diesen „Kindbetthöfen„ durften nur
Frauen teilnehmen. Es wurde gut gegessen, Wein getrunken und ausgelassen
getanzt. Das Fest dauerte solange, bis die junge Mutter das Wochenbett
verließ. Mit dem Verbot der Kindbettfeste verloren die Frauen nun
einen der letzten Freiräume der ihnen noch geblieben war. Die einzigen
legalen Möglichkeiten von da an den eigenen Körper zu spüren,
war der Kontakt mit dem eigenen Ehemann oder Reigentänze, bei denen
nur Arme und Beine wirklich bewegt wurden, bei Festen. Für den freien
Ausdruck von Körper und sexueller Kraft, wie er beim Tanz der Frauen
untereinander üblich ist, war nun kein Platz mehr in Europa.
*(Becker, Bovenschen, Brackert (Hrg.) Aus der Zeit der Verzweiflung: seit ca. 1150 ist die Verbrennung in Nordfrankreich und Deutschland die übliche Strafe für Ketzer. Die letzte Hexenhinrichtung Europas fand 1793 in Polen statt. Seinen Höhepunkt erreichte der Hexenwahn im 15. und 16. Jhd.)
Frauen im Orient
Anders
erging es den Frauen im Orient. Ungeachtet von Rolle und Rechten der Frau
in der Gesellschaft (die hier nicht thematisiert werden sollen) blieben
den Frauen im muslimischen Kulturkreis weitgehend Nischen erhalten in
denen sie Gemeinschaft und Tanz erhalten und pflegen konnten.
In ihrem Buch "Der Ruf der Großmutter" beschreibt Rosina-Fawzia
Al-Rawi den traditionellen Ablauf einer Geburt, wie sie in den arabischen
Ländern bis zur Einführung von Ärzten und Spitälern
der Brauch war, und es heute teils auch noch ist. Die Geburt ist reine
Frauensache, und wird mit Tanz, Gesang und Gebeten als heiliger Akt gefeiert.
Nach der Geburt begibt sich die junge Mutter 40 Tage lang in eine Phase
des Rückzugs, in der sie von den anderen Frauen umsorgt wird.
Die Feier der Geburt als sakrales Ereignis unter Frauen reicht wahrscheinlich
bis an den Beginn der menschlichen Kultur zurück und stellt eine
natürliche Form der Rollentrennung dar.
Durch die starke Trennung der Geschlechterrollen im Islam verbringen die
Frauen in den arabischen Ländern viel Zeit miteinander und zu Hause
(Bis heute macht der Bereich der Frauen den größeren Teil eines
muslimischen Hauses aus.) In dieser Nische der Abgeschiedenheit der Frauen
miteinander konnte der Tanz als freier Ausdruck von Freude an der Bewegung
des eigenen Körpers überleben.
Ich denke der Bauchtanz ist wohl ein Erbe der Frauen insgesamt. Den Frauen des Orients aber verdanken wir seine Überlieferung während der letzten 500 Jahre, und seine künstlerisch hochverfeinerte Ausdrucksweise und Vielfalt.