Bauchtanz und Kundalini
Die Wirkung des Bauchtanzes kann den Bereich des spirituellen Körpers nicht unmittelbar beeinflussen,
sondern nur die Verbindung zum individuellen
Höheren
Selbst indirekt klären und die Möglichkeiten, das vorhandene Potential zu realisieren, verbessern.
Spirituelles Wissen im Körper:
Die Yoga-Tradition nützt das Wissen um die innere Dimension, das im menschlichen Körper vorhanden
ist, indem vom Adepten verschiedene Körperpositionen eingenommen werden, die den Geist in entsprechende
Zustände der Bewusstheit führen. Die Nutzung von Körperhaltungen zur Förderung der Ausrichtung
des Gebets sind auch aus der kirchlichen Tradition, dem muslimischen Ritualgebet, dem Zikr der Derwische,
in den Runenhaltungen der Kelten und in schamanisch orientierten Kulturen auf der ganzen Welt bekannt. Im
Bauchtanz sind einige der klassischen Gebetshaltungen aus verschiedenen Kulturen enthalten, was auf eine
ursprünglich spirituelle Ausrichtung schließen lässt.
Kundalini:
Der Begriff Kundalini stammt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich „die Zusammengerollte“.
Dieser Vergleich bezieht sich auf eine Kraft, die nach der östlichen Lehre bei allen Menschen am
unteren Ende der Wirbelsäule wie eine Schlange zusammengerollt ist. Diese Kraft wartet darauf zu
erwachen, um in der Wirbelsäule nach oben zum Gehirn aufzusteigen.
Die Aktivierung dieser Kraft kann auf verschiedene Arten erfolgen:
• Durch Yogaübungen

• Atemtechniken
• Intensive Meditationspraxis
• Tanz
Kundalini kann auch durch Tanz in Verbindung mit schneller, flacher Atmung aktiviert werden, wie das Beispiel
der !Kung, eines Volkes der Kalahari-Wüste, zeigt.
Der amerikanische Anthropologe Richard Katz beschreibt in einem Bericht, dass die !Kung viele Stunden
lang tanzen, um N/um „aufzuheizen“ und dadurch den !Kia-Zustand zu erreichen. N/um entspricht
nach Katz der Kundalini. !Kia ist der Zustand der Transzendenz.
• oder spontan und ohne erkennbare Ursachen
Die meisten Autoren warnen davor, die Kundalini ohne Vorbereitung und ohne die Begleitung eines Lehrers
vorzeitig zu erwecken. In seinem Buch "Kundalinierfahrungen" beschreibt Lee Sanella die Symptome
die in einem Kundalini - Prozess auftreten können. Er teilt die Erscheinungen in vier Grundkategorien:
1. Motorische Phänomene:
z.B. unwillkürliche Körperbewegungen, spontanes Einnehmen von Yoga-Positionen, Lähmungen,
ungewöhnliche Atemmuster
2.Sensorische Phänomene:
z.B. Prickeln, Jucken, Vibrieren an der Haut oder im Körperinneren, extreme Hitze - oder Kälteempfindungen,
innere Lichter und Visionen, innere Klänge, Schmerzempfindungen ohne erkennbare Ursache
3.Interpretative Phänomene:
ungewöhnliche oder extreme Emotionen, Verzerrung der Denkprozesse
4.Nicht-physiologische Phänomene:
Außerkörperliche Erfahrungen, paranormale Wahrnehmungen
Das Erwachen der Kundalini muss aber nicht zwangsläufig von derart heftigen Umständen begleitet
sein, wie sie in der Literatur gerne als typisch dafür beschrieben werden.
Mantak und Maneewan Chia bezeichnen in ihrem Buch "TAO YOGA der heilenden Liebe" diese Erscheinungen,
die als „Kundalini Syndrom“ bekannt sind, als Störungen, die darauf zurückzuführen
sind, dass die rohe Sexualenergie am unteren Ende der Wirbelsäule in der mittleren Körperlinie
hochschießt. Dabei gelangt sie in die Drüsen und Organe, die an die Verarbeitung dieser untransformierten
Energie nicht gewohnt sind und mit den verschiedensten Störungen darauf reagieren.
Das Tao-Meisterpaar beschreibt in dem Buch eine Methode für Frauen, die Sexualenergie aus den Eierstöcken
in der Wirbelsäule nach oben zum Scheitel und an der Körpervorderseite wieder nach unten zum Nabel
oder zum Herzen zu lenken. Hierbei fließt die Energie / Ching Qi durch Stationen der Umwandlung und
erfährt dabei eine Transformation von roher Sexualenergie in eine Lebenskraft-Energie. Dieser Weg der
Umwandlung besteht, stark vereinfacht dargestellt darin, Sexualenergie zu aktivieren, das Kreuzbein als
Station der Transformation durch Kippbewegungen zu öffnen und das Qi durch den Kreuzbeinspalt 4 in
die Wirbelsäule zu leiten. Transformationsstationen auf diesem Weg stellen das Kreuzbein, der 11. Brustwirbel,
der 7. und der 1. Halswirbel dar. Diese Stationen werden im Tao Yoga durch leichte Bewegungen der Wirbelsäule
aktiviert. Ziel der Übung ist es, die umgewandelte Sexualenergie den Organen zuzuführen und sie
damit zu reinigen und zu nähren. Gesunde Organe können die ihnen zugeordneten Emotionen (z.B.
Leber = Freundlichkeit und Güte / im Fall der Inbalance Zorn wieder harmonisieren). Die Sexualenergie
wird in umgewandelter Form dazu verwendet, den Geist - Körper zu entwickeln, durch den man später
die Erleuchtung erlangen kann.
Parallelen dazu finden sich im Bauchtanz wieder. Durch die schnellen kleinen Schüttelbewegungen - die
Shimmys - wird die Energie im gesamten Beckenbereich stark angeregt, insbesonders die Sexualenergie. Das
Kippen des Beckens öffnet den Kreuzbeinspalt und damit den Weg der Sexualenergie in die Wirbelsäule.
Durch entsprechende Brust-, Schulter- und Kopfbewegungen ist es möglich, die Sexualenergie nach oben
zu ziehen und in einem Kreislauf zirkulieren zu lassen. Eine westlichere Sichtweise der Wirkung von Kundalini
findet sich unter anderem bei Gopi Krischna, Lee Sanella, und J.White wieder
Peck, ein Physiker, der sich mit der elektrischen Leitfähigkeit ionisierter Medien beschäftigt,
geht bei seiner Betrachtung des Kundalini - Phänomens davon aus, dass sich die elektrische Leitfähigkeit
des Nervensystems durch bestimmte Reize verändert und dass durch diese Veränderung das Nervensystem
leistungsfähiger, empfindungsfähiger und leichter kontrollierbar wird. (White, S.278)
Bauchtanz, Kundalini und die spirituelle Entwicklung:
Fügen wir diese beiden Sichtweisen der Wirkung von Kundalini zusammen, so bekommen wir ein neues
und umfassenderes Bild.
Über das Nervensystem wirkt die astrale
Organisation in den physischen Körper. Ein leistungsfähigeres Nervensystem ermöglicht der
astralen Organisation ein präziseres Wirken. Die Transformation der Sexualenergie in der Wirbelsäule
und die Stärkung der Organe durch ihre Vitalkraft nährt wiederum die ätherische
Organisation. Beide Aspekte zusammen schaffen mit dem physischen Körper die Basis dazu, das Potential
des individuellen Höheren Selbst in höherem Maß zu verwirklichen, und damit dem eigenen
Wesen im übergeordneten Sinn näher zu kommen.
Das langsame Aufsteigen und Umwandeln der Kundalini, wie es im Bauchtanz stattfindet, ist ein sanfter
Weg, diesen an sich völlig normalen Aspekt der Evolution des Menschen zu aktivieren. Die Auswirkungen
des Kundalini - Syndroms in seiner harten Erscheinungsform sind mir aus dem Bauchtanz nicht bekannt geworden,
im Gegenteil, aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Bauchtanz diese Folgen eines zu dynamischen Kundalini-Prozesses
regulieren und lindern kann.
Kundalini selbst erzeugt keine spirituelle Transzendenz, auch wenn kurze Erlebnisse der Reizüberflutung
der Gehirnnerven so empfunden werden mögen. Sie kann aber sehr wohl auf diesen Schritt der Evolution
der Bewusstheit vorbereiten.