Der Blaue Drache
Am
Anfang der Welt gab Gott den Menschen viele Möglichkeiten, Seiner zu gedenken und Ihn zu
preisen: das gemeinsame Mahl in Seinem Namen, den Klang der Musik als Lobpreis an Ihn, den Tanz
als Ausdruck der Freude über das von Ihm geschenkte Leben.
Ja, manche Menschen machten sogar ihr ganzes Leben zu einem einzigen Gebet und begannen, alles
was sie taten, in Seinem Namen!
Er gab den Menschen auch einen Boten. Ein mächtiges Wesen mit einer sanften, wunderbar klingenden
Stimme, das die Aufgabe hatte, die Gebete der Menschen `gen Himmel zu tragen.
Das Wesen - ein prächtiger, leuchtender, blauer Drachen - war geschaffen, dem Menschen zu
dienen, und lange Zeit tat es gerne diesen Dienst. Mit der Zeit geriet die Erinnerung an den Einen
Schöpfer bei den Menschen aus der Mode, und sie begannen, viele Götzen anzubeten. Allen
voran den Gott Mammon, aber auch Powerix, Juniorus, Prestigus, Erotica und Luxoria standen hoch
im Kurs. Der ideale Gläubige dieser neuen Religion wurde zumeist als Yuppie, In oder Mega
- Cool bezeichnet. Das Fest des gemeinsamen Mahls verkam zum einsamen Fast Food, die Musik zu
Heavy Metall, der Körper - einst heiliger Tempel der Freude - wurde geschändet. Damit
änderten sich auch die Zeiten für den Blauen Drachen. Seine Farbe wurde stumpf und grau,
und anstatt ihn seine Aufgabe als Mittler zu den subtilen geistigen Bereichen der Schöpfung
erfüllen zu lassen, versuchten die Menschen, die Götzen mit ihm zu erreichen.
Ein neuer Kult entstand. Überall zeugten grosse Bilder an den Straßenrändern von
götzlich begnadeten, jungen, erfolgreichen, schönen, gesunden Menschen, die mit der
Geste des Viktory den Blauen Drachen in Händen hielten. Der Umsatz an Gebetsstäbchen
boomte, und die Menschen zelebrierten gedankenlos das Ritual, das den Ahnen noch heilig war. Das
Wesen des Blauen Drachen, geschaffen, dem Menschen zu dienen, hatte nun seinen Herrn verloren.
Der Mensch hatte nun keine Macht mehr, und so machte der Drachen seinerseits den Menschen zu seinem
Diener.
Der Drachen verwendete seine wunderschöne Stimme nicht mehr dazu, die Botschaften zu übermitteln,
sondern nützte sie dazu, dem Menschen einzuflüstern, immer öfter die Gebetsstäbchen
zu seinen eigenen Ehren zu entzünden. Es entstand eine ganze Kultur daraus. Gemeinsame Gebetsnischen,
in denen auch der soziale Umgang gepflegt wurde, entstanden in fast allen Gebäuden. Ihr Zentrum
war ein kleiner, feuerfester Opferaltar für die Überreste der Wandlung von Tabak zu
Asche.
Die Menschen wurden dabei älter, ihre Haut faltig und trocken. Anstatt der erhofften Lebensfreude
und des Reichtums
vermehrten sich nur der morgendliche Husten, das Kratzen im Hals und der gelegentliche Schleimauswurf.
Viele Menschen bemerkten mit der Zeit, dass sie betrogen worden waren, aber zu Beginn gelang es
nur wenigen, den Mut aufzubringen, sich auf den Weg zu machen und den schmalen Pfad zu suchen,
der hinausführt aus der Höhle des Drachen, in das Land der Freiheit.
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